„Hochschule neu denken“ der Gruppe 2004
- Kurzfassung -

Wir – eine interdisziplinäre Gruppe von Hochschullehrern – legen ein Memorandum „Hochschule neu denken – Neuorientierung im Horizont der Nachhaltigkeit“ vor. Hiermit wollen wir einen Beitrag zu der schon lange laufenden Diskussion über die Hochschulreform leisten. Allerdings teilen wir nicht die in der öffentlichen Diskussion häufige Fixierung auf Elite-Hochschulen, Spitzenforschung und entsprechende Finanzierungsprogramme. Wir warnen vor einer vorschnellen Diffamierung der als „Massenuniversitäten“ deklarierten deutschen Hochschulen.
Wir wollen vielmehr Wege aufzeigen, wie die Hochschule die komplexen Probleme einer Weltgesellschaft im Wandel erkennen und zu deren Lösung beitragen kann. Erfolgreich wird das nur sein, wenn sie diese Aufgabe als Verpflichtung zu einer nachhaltigen Weltkultur begreift, die Langfristigkeit mit Verantwortung vereint. Wir regen daher einen vertieften Selbstprüfungsprozess an den Hochschulen und in der Hochschulpolitik an.

Folgenden Aspekten sollte dabei besondere Geltung verschafft werden:

  1. Die Hochschulen sollten selbstkritisch ihr inter- und transdisziplinäres Potenzial überprüfen und im Diskurs mit anderen Einrichtungen zum Vergleich bringen. So erst können die relevanten Forschungsfelder und Forschungsstrategien für die Zukunft ermittelt werden. Eigens hierfür einberufene Kongresse könnten dieser autonomen Suche nach der eigenen Zukunft Struktur und Verbindlichkeit verleihen.
  2. Im Diskurs mit der Gesellschaft ist durch verstärkte Bildung und Wissensvermittlung die Fähigkeit zur Teilnahme an den Orientierungsprozessen für mehr Nachhaltigkeit zu stärken. Hierzu gehört insbesondere die Fähigkeit zu vorausschauendem und vernetztem Denken und zur kritischen Prüfung von Leitbildern. Daneben ist die Kompetenz zu interkultureller Verständigung und Kooperation zu stärken. Dazu müssen Umfang, Struktur, Organisation und Qualität von Forschung (zumal in den Geistes- und Sozialwissenschaften) und Lehre verbessert werden.
  3. Unter dem Gesichtspunkt einer auf Nachhaltigkeit orientierten Bildung und Ausbildung sind die Lehrstrukturen für die Bachelor- und Masterstudiengänge auf transdisziplinäre Vernetzung und die Erziehung zu Selbständigkeit und Verantwortlichkeit auszurichten. Für eine solche qualitativ und quantitativ angemessene Breitenausbildung ist die personelle Ausstattung der Hochschulen wesentlich aufzustocken. Breitenausbildung in dem geforderten Maße verlangt gut durchorganisierte Lehrveranstaltungen mit klar strukturierten Inhalten und handhabbaren Mechanismen der Erfolgskontrolle. Sie braucht dementsprechend didaktisch qualifiziertes Lehrpersonal, das die Lehre als eine wissenschaftliche Profession mit eigenem Anspruch begreift und darin von Hochschule und Wissenschaftssystem hinreichend unterstützt wird.
  4. Auch in den weiterführenden akademischen Ausbildungsgängen (Promotion) ist die interdisziplinäre Lehr- und Forschungsstruktur zu verbessern. Die Spezialisierung bei der Einübung in die jeweilige Forschungspraxis ist zu ergänzen und zu integrieren in interdisziplinäre Methoden- und Fragestellungen. In der Konsequenz müssen auch die Prüfungs- und Bewertungskriterien entschieden verändert werden. Inter- und transdisziplinäre Lehre und Forschung können nur von Wissenschaftlern wahrgenommen werden, die ihrerseits in Inter- und Transdisziplinarität ausgebildet sind.
  5. Im Zuge der empfohlenen Diskurse um die neue Ausrichtung der Hochschule wird sich zeigen, dass diese über beachtliche Forschungspotenziale verfügt. Vor allem im klug koordinierten Zusammenwirken der Disziplinen liegen unausgeschöpfte Möglichkeiten, zentrale gesellschaftliche Probleme aufzugreifen und Lösungsansätze bereitzustellen. Das allerdings setzt nach innen die Freiheit der Organisationsentwicklung und nach außen das Zusammenspiel mit den anderen gesellschaftlichen Akteuren voraus.
  6. Komplexe Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt sowie die globalen Probleme des menschlichen Zusammenlebens sind nur sinnvoll zu erforschen und zu bearbeiten, wenn sich die Geistes-, Sozial- und Verhaltenswissenschaften mit den Natur- und Technikwissenschaften stärker verbinden. Es widerspricht den aktuellen Notwendigkeiten, wenn Universitäten unter dem Druck verknappter Finanzen dazu übergehen, ihre geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachbereiche auf Null zu bringen oder drastisch zu verkleinern.
  7. Die Fusion von Hochschulen kann unter der Voraussetzung integrativer Vereinigungs-konzepte zu einer Stärkung der inter- und transdisziplinären Kompetenz und einem effizienteren Ressourcenmanagement führen. Kontraproduktiv sind jedoch Zusammenlegungen, die vorschnell unter dem Druck verknappter Finanzen erfolgen. Dringlich ist es vielmehr, Koordinationsstellen einzurichten, die innerhalb und zwischen den Hochschulen die Entwicklung inter- und transdisziplinärer Lehr- und Forschungsprojekte anregen und begleiten.
  8. Die Kooperation mit zukunftsorientierten Kräften in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik ist entschieden zu stärken. Dabei müssen Globalität und Nachhaltigkeit zu Kriterien möglicher Kooperationen werden. Mit technischer Effizienz unter der Perspektive kurzfristiger Produktionsinteressen allein ist es nicht getan.
  9. Es ist ein verfehltes Unterfangen, an den geforderten autonomen Profilbildungsprozessen vorbei durch mehr oder weniger willkürliche Finanzspritzen die Förderung von Spitzenforschung erreichen zu wollen. Vielmehr bedarf es einer breiter angelegten Förderungsstrategie, die allerdings mit strukturellen Erneuerungen zu verknüpfen ist. Die Bundesregierung sollte ihr bisheriges Elite-Konzept ernsthaft überdenken. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wird eingeladen, sich an den vorgeschlagenen Selbstprüfungsprozessen zu beteiligen, um im Anschluss daran die zu finanzierenden Prioritäten besser bestimmen zu können.
  10. Die alleinige Verantwortung für die Hochschulen und deren weitere Entwicklung auf die Bundesländer zu übertragen und das Hochschulrahmengesetz weiter auszuhöhlen oder gar abzuschaffen, wäre ein hochschulpolitischer Rückschritt. Sich im föderalen Partikularismus zu verlieren kommt einer unnötigen Selbstschwächung gleich. Wer die Weltgeltung der deutschen Hochschulen in der Perspektive der Nachhaltigkeit stärken will, sollte stattdessen seine Kräfte bündeln.

Das Memorandum begreift sich nicht als ein geschlossenes Konzept, sondern als Initiation eines Prozesses, der nach Möglichkeit in die Mitte der Hochschulen hineinwirken soll, um von dort aus weitergeführt zu werden.

Für weitere Informationen stehen Ihnen als Ansprechpartner Herr Prof. Dr. Gerd Michelsen sowie Herr Dr. Maik Adomßent über die unten angegebenen Kontaktmöglich-keiten jederzeit gern zur Verfügung.

Das Memorandum „Hochschule neu denken“ ist in gedruckter Form im VAS Verlag für Akademische Schriften, Wielandstr. 10, 60318 Frankfurt/Main, www.vas-verlag.de, erschienen.