Informationsästhetik und frühe Computergrafik

  • Der Grundgedanke der Informationsästhetik nach Frieder Nake

 

"Ein materielles Objekt ist ein ästhetisches Objekt, wenn es in einem Kommunikationsprozeß als Zeichenträger fungiert, und die Konstellation der Zeichen dabei ästhetische Information überträgt" (Nake, S. 65)

  • Die Bense-Schule:

 

 

Jan Peter Tripp "Bense Monument" 1981

Die verwissenschaftliche Kunst - Feststellungsästhetik Galileischen Typs:

"Meßbar machen, was noch nicht meßbar ist. Die mehr subjektive Interpretationsästhetik wird durch eine objektive, naturwissenschaftliche Ästhetik ergänzt. Bilder werden jetzt vermessen und eventuell mit dem so erhaltenen Wissen regeneriert" (Bense zit. nach Steller, S. 202)

Definition: Repertoire:

"Die diskrete Menge von Elementen, aus der ausgewählt wird, heißt Repertoire." (Nake, S.17)

"Für alle Vergleichszwecke ist es notwendig, die Menge der Zeichen zu kennen, aus denen bei der Herstellung eines ästhetischen Objektes ausgewählt wird" (Nake, S.59)

 

Das ästhetische Objekt

Die Benssche Informationsästhetik stützte sich auf die Ideen der Informationstheorie, die auf ästhetische Objekte angewandt, davon ausgeht, daß diese als Superzeichen bzw. Zeichensysteme ästhetische Information transportieren.

Das ästhetische Objekt als Träger einer ästhetischen Infomation entsteht in endlich vielen Auswahlschritten, jeder Schritt besteht in der Auswahl eines Zeichens (Farbe, Form etc..)aus einem Zeichenvorrat (Repertoire) und dem Anfügen diese Zeichens an das bisher entstandene Objekt. Die Auswahl der Zeichen geschieht nach bestimmten Häufigkeiten, die in die Berechnung des Informationsgehaltes des Bildes eingehen

 

Der ästhetische Zustand

Bense definierte den ästhetischen Zustand "als ein Zustand der Ordnung (O) über einem Repertoire materialer Elemente gewisser Komplexität (C)" (Bense in: Kempkens, S. 23)

 

Das ästhetische Maß

  • Die Birkhoff-Formel:

Mä = Ordnung/Komplexität = O/C

Mä = ästhetisches Maß für das Wohlgefallen des Betrachters beim Anblick eines Objektes

(Makroästhetik)

  • Die Bense-Formel:

M = Redundanz/ Entropie = R/H

M wird abgeleitet aus der statistischen Information, d.h. aus der Häufigkeit der Anordnung der einzelnen Elemente

(Mikroästhetik)

 

Wahrscheinlichkeitsverteilung: Markov-Ketten, hier: farben-gleichverteilt (P = q), p(q)=Übergangswahrscheinlichkeit von schwarz nach schwarz (von weiß nach weiß). p von links nach rechts: 1%, 10%, 25%, 75%, 90%, 99%

  • Generative Ästhetik

 

 

Definition: generative Ästhetik

"Unter generativer Ästhetik ist die Zusammenfassung aller Operationen, Regeln und Theoreme zu verstehen, durch deren Anewendung auf eine Menge materialer Elemnet, die als Zeichen fungieren können, in dieser ästhetische Zustände (Verteilungen bzw. Gestaltungen) bewußt und methodisch erzeugbar sind." (Bense: Aesthetika, S. 333)

 

 

 

 

Definition: Algorhitmus

"Ein Algorithmus ist eine endliche Liste von Instruktionen, die wohldefiniert sind. Für jedes Problem einer Klasse von Problemen liefert der Algorithmus nach endlich vielen Schritten eine Lösung, in dem man die Instruktionen eine nach der anderen ausführt." (Nake, S.188)

 

 

 

 

Definition: ästhetisches Programm

"der sukzessive Abbau gleichwahrscheinlicher Verteilungen zu nichtgleichwahrscheinlichen Verteilungen mit Hilfe ästhetische orientierter Programme kann als Prinzip des maschinellen kunsterzeugenden Prozesses angesehen werden." (Bense in Kempkens S.28)

"das ästhetische Programm ist die Beschreibung, die ein Künstler vor der Fertigung eines Objektes oder Ereignisses von eben diesm Objekt oder Ereignis geben kann" (Nake, S.33)

 

 

 

Was muß ein ästhetisches Programm leisten?

  1. Vorhandensein eines beschränkten, definierbaren Repertoires
  2. Der Künstler/ Programmier muß im voraus einen Algorithmus erfinden, der den Schaffensprozeß determiniert
  3. Ein ästhetisches Programm muß neben der Definition des Repertoires die Transformationsmöglichkeiten der Elemente des Repertoires festsetzten
  4. Es muß ein Ablauf der Transformationen definiert werden
  5. Es muß eine Bewertungsfunktion enthalten: d.h. Eine bestimmte Anzahl von Kriterien, an denen der Zustand des ästhetischen Objektes gemessen werden kann (Perzipient und Urteil)
  6. Das Programm muß erkennen, wann es stoppen muß, dh. wann der optimale ästhetische Zustand erreicht worden ist.

 

Der Zufallsgenerator als simulierte Intuition

"Das immer gegenwärtige Zufallselement im künstlerischen Erzeugungsprozeß erfaßt die generative Graphik modellmäßig durch den Einbau von Zufallsgeneratoren in die Programme(...)Die Zufallsgeneratoren beteiligen sich an der Strukturierungg der generierten Information, schaffen dabei unvorhersehbar neues und erweisen sich dadurch als die zweite schöpferische Instanz neben dem Programmierer..." (Nees zit. nach Nake S.54)

 

 

  • Beispiele

Frieder Nake:

"Hommage à Paul Klee" (1965)

Nachahmung eines Stils: "Man analysiert ein oder mehrere Bilder eines Malers und versucht, die gefundenen Stilregeln soweit zu formalisieren, daß sie programmierbar werden (...) Die Analyse führt aber in jedem Fall zur Bestimmung eines ästhetischen Programms: Repertoire, Transformationen, Ablauffunktion, Beendigungsfunktion werden mehr oder weniger stark durch die Vorlage bestimmt." (Nake, S.212)

 

 

 

Manfred Mohr:

"P-360/FF" (1984)

"Eine rationale Herstellung von Kunst! (...) Mein Interesse an einer Systematisierung des Bildaufbaues war so groß, daß ich bis heute das Erfinden von Regeln (Algorithmen) als Ausgangspunkt und als die eigentliche Grundlage meiner Kunst sehe." (Manfred Mohr in: Nake/Stoller, S.38)

 

 

 

Harold Cohen:

ohne Titel, Plotterzeichnung(1973-83)

"Ich werde vielleicht eines Tages der erste Künstler sein, der nach seinem Tod eine Ausstellung mit neuen Arbeiten haben wird." (Cohen zit. nach Steller, S. 337)

 

 

 

 

Michael Noll:

Computer-Komposition mit Linien (1964)

Piet Mondrian

Komposition mit Linien (1917)

 

 

 

 

  • Literatur

 

 

  • Bense, Max: Aesthetica. Einführung in die neue Aesthetik, Baden-Baden 1965
  • Frank, Helmar G.; Franke, Herbert W. (Hg.): Ästhetische Information, Berlin 1997
  • Franke, Herbert W.: Computergraphik - Computerkunst, München 1971
  • Nake, Frieder: Ästhetik als Informationsverarbeitung. Grundlagen und anwendungen der Informatik im Bereich ästhetischer Produktion und Kritik, Wien 1974
  • Nake, Frieder; Stoller, Diethelm (Hg.): Algorithmus und Kunst. "Die präzisen Vergnügen", Hamburg 1993
  • Steller, Erwin: Computer und Kunst. Programmierte Gestaltung: Wurzeln und Tendenzen neuer Ästhetiken, Mannheim 1992

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